Ein Gewehr mit Doppelleben: die Idee hinter dem Pedersen Device

Es gibt Waffen, die man auf den ersten Blick für einen Fotomontage-Scherz halten könnte. Das Springfield M1903 mit montiertem Pedersen Device gehört dazu: ein klassisches Repetiergewehr mit Kammerstängel, aus dem seitlich ein langes, schräg abstehendes Magazin ragt. Tatsächlich handelt es sich um eine der ungewöhnlichsten Militärwaffen-Ideen des Ersten Weltkriegs. Man tauschte den Verschluss des Gewehrs gegen eine Baugruppe aus und erhielt einen Selbstlader im Pistolenkaliber. Zum Fronteinsatz kam sie nie.

Historischer Hintergrund und Entwicklung

Der Erfinder

Hinter dem Device stand John Douglas Pedersen (1881–1951). Der amerikanische Konstrukteur arbeitete lange für Remington und später für andere Firmen. Er ist vor allem für Waffen mit verzögertem Rückstoss bekannt, darunter die Pistole Remington Model 51 und später das Pedersen-Selbstladegewehr im Kaliber .276. Er arbeitete zudem im Umfeld von John M. Browning.

Der Stellungskrieg als Auslöser

Der Stellungskrieg an der Westfront zeigte, wie wertvoll Feuerkraft auf kurze Distanz war: im Grabenkampf, bei Sturmangriffen und beim Säubern von Gräben. Die Armeen suchten Lösungen wie Maschinenpistolen (die deutsche MP 18, die italienische Villar Perosa), leichte Maschinengewehre und Selbstladegewehre. Die USA besassen 1917 weder eine ausgereifte Maschinenpistole noch ein standardisiertes Selbstladegewehr.

Pedersens Ansatz war pragmatisch: Millionen M1903-Gewehre waren bereits vorhanden oder in Produktion. Wenn man deren Verschluss austauschbar gegen eine Selbstlade-Einheit machte, liess sich der Infanterist in kurzer Zeit zum Feuerstoss-fähigen Schützen aufrüsten. So wären weder eine neue Waffe noch eine neue Produktionslinie für ein ganzes Gewehr nötig gewesen.

Einführung und Geheimhaltung

Die US-Armee übernahm das System 1918. Die Ausführung des Gewehrs hiess «U.S. Rifle, Model 1903, Mark I». Das Device selbst wurde offiziell als Pistol, Automatic, Caliber .30, Model of 1918 geführt. Dieser Name wird häufig als bewusste Tarnung beschrieben, die den eigentlichen Zweck verschleiern sollte. Die Bezeichnung als «Pistole» passte zudem zur Munition, die ballistisch eher an eine Pistolenpatrone erinnerte.

Produktionszahlen werden in der Literatur nicht einheitlich genannt. Häufig liest man von rund 65 000 gefertigten Devices und einer ähnlichen Zahl umgebauter Mark-I-Gewehre. Die ursprünglichen Planungen waren deutlich grösser und gingen angeblich in den Bereich von mehreren Hunderttausend, in manchen Darstellungen sogar bis zu einer Million Stück. Wer exakte Zahlen braucht, sollte die Quellen vergleichen.

Gedachter Einsatzzweck und tatsächliche Verwendung

Das Device war für eine geplante Offensive gedacht, die oft mit 1919 in Verbindung gebracht wird. Der Infanterist sollte im Graben- und Nahkampf auf Selbstladefeuer umschalten können und das Gewehr im Normalfall mit dem regulären Verschluss und der .30-06-Patrone führen. Die Idee dahinter: Auf Distanz bleibt das Gewehr ein präzises Repetiergewehr, im Nahkampf wird es zur Schnellfeuerwaffe mit grossem Magazin.

Zum Einsatz kam es nie. Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 beendete den Krieg, bevor das System in nennenswerter Zahl bei der kämpfenden Truppe angekommen war. Nach dem Krieg wurden die Devices eingelagert und später grösstenteils vernichtet. Teilweise wurden Bestände verkauft. Die Mark-I-Gewehre blieben als normale Repetiergewehre im Bestand und lassen sich bis heute anhand ihrer Gehäusemodifikation erkennen.

Technik und Funktionsprinzip

Austausch statt Aufsatz

Das Pedersen Device ersetzte den Verschluss des M1903. Der Schütze entfernte den originalen Kammerstängel-Verschluss und setzte stattdessen die Selbstlade-Einheit ein. Das war im Wesentlichen ein vollständiger Selbstladeverschluss mit eigenem Magazinanschluss, Schlagbolzen und eigener Kammerhülse. Der Wechsel war in wenigen Handgriffen möglich, ohne Werkzeug.

Voraussetzung war ein angepasstes Gewehr. Das Mark-I-Gewehr hatte im Verschlussgehäuse einen zusätzlichen Ausschnitt für den Hülsenauswurf. Zudem gab es Anpassungen an Teilen wie der Magazinsperre und der Abzugsmechanik. Die Details zu diesen Änderungen werden in der Sekundärliteratur unterschiedlich ausführlich beschrieben.

Verzögerter Rückstoss

Das Device arbeitete als Rückstosslader mit verzögerter Öffnung (delayed blowback). Die Verzögerung wurde über eine mechanische Hebelanordnung erreicht, bei der sich der Verschluss nicht sofort frei nach hinten bewegen konnte. Die Patrone war so ausgelegt, dass diese Verzögerung genügte und eine echte Verriegelung nicht nötig war. Die Patrone wurde dabei aus dem seitlich angesetzten Magazin zugeführt.

Die Geschosse liefen im Wesentlichen durch den Lauf des Gewehrs. Das Device sass im hinteren Teil des Systems und passte sich dem Patronenlager des M1903 an. Ob und wie weit die Details der Patronenlager-Anpassung je nach Seriennummer oder Fertigungslos variieren, ist in den leicht zugänglichen Quellen nicht eindeutig geklärt.

Magazin

Das Magazin fasste 40 Patronen und stand seitlich in einem Winkel vom Gehäuse ab. Das war eine für die Zeit enorme Kapazität, aber auch ein sperriges Anbauteil. Die Soldaten sollten die Magazine in speziellen Taschen mitführen. Die Hülsen wurden durch den zusätzlichen Auswurfausschnitt am Gehäuse ausgeworfen. Der Ausschnitt blieb beim Betrieb mit dem normalen Verschluss grundsätzlich offen, was theoretisch Schmutz eindringen lassen konnte.

Kaliber und Varianten

.30 Pedersen

Das Device verschoss die eigens entwickelte .30 Pedersen (auch als 7,65 × 20 mm bezeichnet). Es war eine flaschenhalsförmige Patrone mit einem Geschoss von rund 5,2 g (80 Grain) und einer Mündungsgeschwindigkeit von etwa 400 m/s. Das entspricht grob dem Leistungsbereich der stärkeren Pistolenpatronen. Verglichen mit der .30-06 Springfield (7,62 × 63 mm) war sie deutlich schwächer. Je nach Quelle weichen die genauen Angaben leicht voneinander ab.

Varianten

Eigentliche Varianten des Devices gab es kaum. Die wesentliche Unterscheidung betrifft das Trägergewehr:

  • M1903 Mark I: das speziell modifizierte Gewehr mit Auswurfausschnitt und angepassten Teilen.
  • Normales M1903: ohne die Anpassung nicht für das Device geeignet.

Spätere Pedersen-Konstruktionen, etwa das .276-Selbstladegewehr der 1920er-Jahre, sind eigenständige Waffen und keine Varianten des Devices.

Stärken und Schwächen

Stärken

  • Hohe Feuerkraft: Selbstladefeuer mit 40 Schuss ohne Nachladen.
  • Logistisch clever: Nutzung bereits vorhandener Gewehre statt neuer Waffenproduktion.
  • Zwei Waffen in einer: Präzisionsgewehr und Nahkampfwaffe, je nach Verschluss.
  • Geringer Rückstoss: dank der schwächeren Patrone gut kontrollierbar.

Schwächen

  • Zwei Munitionsarten: zusätzliche Logistik und Verwechslungsgefahr.
  • Geringere Reichweite und Wirkung: die Patrone war für die Nahdistanz gedacht.
  • Mechanische Komplexität: ein fein abgestimmter Mechanismus für den harten Felddienst.
  • Sperriges Magazin: unhandlich im Graben und beim Transport.
  • Offener Auswurfausschnitt: mögliche Verschmutzung beim Gebrauch des normalen Verschlusses.
  • Keine Fronterprobung: Zuverlässigkeit unter echten Kampfbedingungen ist nie belegt worden.

Konkurrenten und Nachfolger

Zeitgenössisch standen dem Device mehrere Konzepte gegenüber. Die MP 18 von Bergmann (Deutschland, ab 1918) war eine eigenständige Maschinenpistole im Pistolenkaliber. Die Villar Perosa (Italien) war eine frühe doppelläufige Waffe im gleichen Kaliberbereich. Die USA entwickelten die Thompson ebenfalls mit diesem Hintergrund, doch sie war erst nach dem Krieg einsatzbereit. Als Selbstlader gab es zudem Konstruktionen wie das russische Fedorov Avtomat.

Nachfolger im engeren Sinn gab es nicht. Pedersens eigene Linie führte zum .276 Pedersen, mit dem er in den 1920er- und 1930er-Jahren an den Selbstladegewehr-Versuchen der US-Armee teilnahm. Durchgesetzt hat sich dort das M1 Garand im Kaliber .30-06.

Warum das System verschwand

  • Das Kriegsende: Der Anlass für die Beschaffung fiel mit dem Waffenstillstand weg.
  • Friedensbudgets: Aufwendige Sonderausrüstung wurde nicht weiterverfolgt.
  • Konzeptionelle Überholung: Eigenständige Maschinenpistolen und später Selbstladegewehre lösten das Problem eleganter.
  • Sonderpatrone: Eine eigene Munition nur für ein Zusatzgerät war logistisch unattraktiv.

Die meisten Devices wurden in den Jahren nach dem Krieg vernichtet. Daher sind erhaltene Exemplare heute äusserst selten und bei Sammlern entsprechend begehrt. Mark-I-Gewehre sind dagegen deutlich häufiger anzutreffen. Wie viele Devices exakt überlebt haben, ist nicht verlässlich dokumentiert.

Vermächtnis

Das Pedersen Device ist technikgeschichtlich vor allem als Gedankenexperiment interessant. Es zeigt, wie früh man erkannte, dass Infanteriegewehre mit voller Gewehrpatrone auf Nahdistanz überdimensioniert sein können. Dieser Gedanke führte Jahrzehnte später zu Zwischenpatronen wie der deutschen 7,92 × 33 mm Kurz, der sowjetischen 7,62 × 39 mm und der amerikanischen .30 Carbine. Ob das Device diese Entwicklungen direkt beeinflusst hat, ist nicht belegt. Es steht aber am Anfang der gleichen Überlegung.

Auch das Prinzip der Umrüstung vorhandener Waffen statt Neuentwicklung begegnet uns später wieder, etwa bei Kleinkalibersätzen und Wechselsystemen.

Fazit

Das Pedersen Device bleibt faszinierend, weil es eine radikale Lösung für ein reales taktisches Problem war: ein Gewehr, das sich in Sekunden in eine Schnellfeuerwaffe mit 40-Schuss-Magazin verwandeln liess. Dass es nie im Gefecht stand, macht es zu einer Art «Was wäre gewesen, wenn»-Kapitel der Waffengeschichte. Für Sammler ist es eine Seltenheit, für Technikinteressierte ein Beispiel dafür, wie früh Ideen auftauchten, die später zum Standard wurden.